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Ein Reisebericht nach Nangqian, Ost-Tibet!

Aus Europa, auf dem Weg nach Nangqian in der Province Qinghai komme ich am 1. Februar in Peking an. Eigentlich sollte ich einen Kollegen von "Ärzte ohne Grenzen" MSF am Flughafen treffen, doch leider wartet er im Inneren und ich im äußeren Bereich der Inlandsflugschalterhalle. So verpassen wir uns knapp aber doch. Mein Versuch, nur mit Englisch ein Ticket nach Xining, der Hauptstadt der Provinz Qinghai, zu ergattern, schlägt hoffnungslos fehl und mir bleibt nichts anderes übrig als drei Tage in Peking auf die nächste Gelegenheit für einen Flug zu warten. Das Personal des MSF Büros Peking hilft mit dem Ticketkauf und am Mittwoch Nachmittag erreiche ich nach einem ca. dreistündigen Flug Xining.

Der erste Eindruck am Flughafen ist, dass die Leute SEHR neugierig und hilfsbereit sind. Mein Kollege, der mich abholt, verspätet sich etwas und so versuche ich in der Zwischenzeit die Taxifahrer davon zu überzeugen dass ich abgeholt werde und beantworte die in brüchigem Englisch gestellten Fragen, woher, wohin und wie heißen Sie.

Xining ist eine halbe Autostunde entfernt und hat ca. 800 000 Einwohner. Die Stadt ist wie die meisten anderen Städte Chinas im Umbruch durch aggressiven Um- und Neubau, jedoch die Satellitenstädte mit den substandard "Wohnungen" bleiben nicht nur erhalten, sondern vermehren sich ständig. Landflucht ist auch hier die Regel. Die folgenden zweieinhalb Wochen verbringe ich mit Geschäftsbesprechungen über den Einkauf von Gerste, Decken, Yakbutter und Futter für Yaks. MSF hat ein Schneesturm-Katastrophen-Projekt in der Province Yushu laufen, mit einem Budget von ca. 1.000.000 US$. Die tibetischen Nomaden in dieser Gegend erleben nach den schwierigen Wintern der vergangenen Jahre wieder viele harte Schneestürme, die ihre Existenzgrundlagen, die Yaks, stark dezimieren. Teilweise verfüttern sie ihre eigenen Lebensmittel, hauptsächlich Gerste, an die Yaks um diese vor dem Verhungern zu bewahren.

zurück vom Pflügen

Bei jeder Besprechung bekommt man zuerst einmal Zigaretten angeboten und dann Tee und immer wieder, und zwar von jeder rauchenden Person, Zigaretten. Jeder möchte seine Gastfreundschaft zeigen. Das geht so weit, dass man zeitweise eine raucht, an beiden Ohren eine stecken hat, schon eine in die eigene Packung gesteckt hat und schon die nächste angeboten, oder besser aufgedrängt bekommt. Nach einer Woche beschließe ich, das Rauchen aufzugeben um nicht gezwungenermaßen zum Extremkettenraucher zu werden. Überraschenderweise ist das Rauchen in den Flughäfen und den Inlandsflügen verboten. An meinem letzten Wochenende in Xining machen wir einen Ausflug zur Taer Lamasery. Ein buddistisches Kloster der Gelben Sekte, der auch der Dalai Lama angehört. Ein faszinierender Ort, den die Tibeter Kumbum Jampaling nennen. Das Kloster wurde 1560 gegründet, umfasst 41 ha und ist eines der bedeutendsten in ganz Tibet.

An einem der letzten Tage haben wir noch ein Treffen mit dem Vice Governor der Provinz Yushu. Er ist ausgesprochen beeindruckt von meiner Größe (196cm) und lässt es mich während des Mittagessens ausreichend wissen. Als besondere Köstlichkeit gibt es Yak-Penis, in Scheiben, an den Rändern eingeschnitten, leicht gebraten und mit einer würzigen Sauce serviert. Na ja, ungefähr wie Schnecken, besonders wenn man nicht an die besonderen Kräfte des Gerichts glaubt. Am 23. Februar verlassen wir, das sind Corinne, die französisch-schweizerische Krankenschwester, ein Dolmetscher und ich mit einem gemieteten Jeep mit Fahrer, um 4 Uhr früh Xining in Richtung Yushu. Ich wähle gerne den vorderen Sitz habe aber dieses Mal einen Fehler gemacht. Da die Lehne nicht hoch genug ist, kann ich mich nicht entspannen und versuche halb zusammengerollt auf dem Sitz etwas zu schlafen. Von Xining, Richtung Westen, nach Yushu sind es 835 km. Davon sind ca in der Mitte mehr als die Hälfte raue Schotterstraße. Zu Beginn steigt die Straße stetig bis auf ein Hochplateau von 3700 m und quert 14 Pässe. Der Pass über das Bayanka-La Gebirge ist der höchste mit 5080 m. Kurz vor dem Pass endet die Asphaltstrasse. Wir trinken ständig Wasser um der Höhenkrankheit entgegen zu wirken, das bringt natürlich mit sich, dass man öfter einmal austreten muss. Es gelingt uns aber nicht besonders diese Stopps für möglichst alle zur richtigen Zeit zu setzen. Aber das gibt uns wenigstens die Gelegenheit zum Beine vertreten und um Photos zu machen. Ich glaube einen Wolf gesehen zu haben und auch Schneeleoparden gibt es in dieser Gegend. Adler sehen wir öfter ihre Kreise ziehen. Die Landschaft ist teilweise atemberaubend schön, doch trotzdem zählen wir die zurückgelegte Strecke bei den Kilometersteinen am Straßenrand. Einer meiner Kollegen hat auf diese Weise die chinesischen Zahlen gelernt.

Nomadenzelt aus Yakhaar

trotz der Härte Spaß am Leben

Die Schotterstrasse ist sehr holprig und einige Male müssen wir Schneewehen umfahren, die die Strasse versperren. Organisierte Schneeräumung ist hier ein Fremdwort. In einem kleinen Dorf halten wir und essen in einem muslimischen Restaurant zu Mittag. Ich sehe fasziniert zu, wie die Nudeln, nachdem der Teig ausgerollt und geschnitten wurde, in das heisse Wasser gerissen werden. An den Wänden des Restaurants sind Poster von schönen Landschaften und wir machen Späße über den "Urlaubsort", den wir gebucht haben. Bei km 470 überqueren wir die erste Brücke des Quellgebiets des Gelben Flusses, der hier noch ein kleiner Fluss ist. Immer wieder fahren wir vorbei an Klöstern und an Mani Steinhügeln. Diese Mani Steine sind mit Sprüchen aus religiösen Schriften graviert. Die Gravuren sind so gemacht, dass die Schriften hervorgehoben sind und der Rest der Steine abgemeisselt ist. Teilweise sind ganze Felsblöcke so bearbeitet. 5 km vor Yushu kommen wir zu Gyanak Mani, dem größten Mani Steinfeld in ganz Tibet, wo die Pilger auf ihrem Weg von Xining nach Lhasa ihre Steine hinterlassen haben. Wie haben wohl die Pilger früher den Yang-tse, den zweiten grossen Strom, der hier seine Quellen hat, überquert, der hier unseren Weg kreuzt und uns ein Stück begleitet.

Wir erreichen Yushu um 20 Uhr, froh eine Weile keine Schlaglöcher erwarten zu müssen. Wir bleiben einen Tag um uns bei den Behörden zu melden und um für Corinne die Einreisebewilligung für Nangqian County zu besorgen, ohne die man nicht weiter reisen darf.

Wir nehmen die Gelegenheit war und wandern hinauf zum Jiegu Kloster, ein Kloster der gelben Sekte mit 140 Mönchen. Von der Höhe haben wir einen herrlichen Ausblick über Yushu, in einem Talkessel auf 3800m. Am Tag darauf versuchen wir Yushu um 10 Uhr 30 zu verlassen, müssen aber nach 10 km umkehren, um einen der Stoßdämpfer zu reparieren. Nach einer ziemlich umständlichen Reparatur, die übrigens nicht sehr lange hält, versuchen wir es um 12Uhr 30 noch einmal. Die ersten 20 km winden sich durch ein Tal vorbei an Klöstern und einer Baustelle für ein Wasserkraftwerk. Abgesehen davon, dass die meisten Leute mehr herumstehen als arbeiten, finde ich es faszinierend zu sehen, wie man so ein Projekt mit so gut wie keinen Maschinen, sondern nur mit schaufelnden Massen von Leuten bauen kann.

Wir fahren aus dem Tal in eine riesige Hochebene auf ca 4200 m und zu unserer Linken ist eine Vogelbegräbnisstätte. Hier werden die toten Buddisten auf eine Art Altar in verschiedenen Niveaus den Vögeln zum Fraß angeboten. Der Priester, der die Zeremonie vollzieht, sagt seine Gebete, wirft Gerste in die Luft um die Vögel anzulocken, zerteilt den Körper und bricht die Knochen, die dann von den Vögeln gefressen werden. Je höher der gesellschaftliche Rang des Verstorbenen um so höher liegt der Altar auf dem sein Körper zerteilt wird.

Die Landschaft ist einfach toll. Über die Hochebene fahren wir Kilometer um Kilometer auf Schotterstraßen Richtung Nangqian. Yakherden mit einigen Hundert Tieren äsen auf den Weiden, die Berge leuchten in der Sonne und gelegentlich sehen wir ein Kloster in den Fels gebaut. Kurz vor dem Ende der Hochebene halten wir am Straßenrand und lassen uns die mitgebrachten Hühnerhaxen aus dem Restaurant schmecken. Dann zählen wir die 200 km lange Strecke nur mehr nach den fünf Pässen zwischen 4300 und 4600 m. Es geht rauf und runter. Vor dem dritten Pass liegt ein wunderschönes Tal. Der Fluss, dem wir eine Zeit lang gefolgt sind fließt weiter zwischen riesigen Felsblöcken und die Straße windet sich in Serpentinen in die Höhe. Wenn der Platz nicht so unheimlich weit von allem weg wäre, wäre er eine gute Wahl für eine Farm. Die Straße wird von Kilometer zu Kilometer schlechter. Das Eis unter den Brücken über kleine Flüsse aus den umliegenden Bergen blockiert das Wasser und lässt es auf die Straße steigen. Längere Strecken werden dadurch zu ganzen Eisflächen, auf denen der Fahrer den besten Weg suchen muss. In den abgelegensten Winkeln, fahren wir vorbei an einzelnen Häusern und Lehmdörfern, meist an den Hang der Berge geklebt. Wenn die Bewohner uns schon von weiter kommen sehen, laufen sie in Richtung Straße oder Winken uns zu. Von Osten kommend geht's auf den fünften Pass, zwar auf fast gerader, aber sehr holpriger Straße und dann kommt die Abfahrt. Die schmale Straße windet sich an den Berg geklebt ihren langen Weg ins Tal. Das Eis und der Schnee bringen unseren Jeep auf einigen Stellen in beängstigende Schräglage. Nach einer schlechten Straße gibt es anscheinend immer noch eine schlechtere. Am Fuß des Passes sind wir heilfroh, keine abfallenden Felswände mehr neben uns zu haben doch die Straße verwandelt sich in eine große Eis- und Schneefläche, auf der jeder Fahrer seinen eigenen Weg über den Fluss sucht, um nicht in einem der Löcher stecken zu bleiben.

Ein Kollege sagte mir, dass gleich nach dem fünften Pass Nangqian liegt. Vielleicht noch um diese letzte Bergecke und wir sind in unserem Zuhause für die nächsten Monate. Falsch gedacht, das Tal wird immer enger und schließlich fahren wir unter gigantischen Felsüberhängen entlang eines vereisten Flusses durch eine wunderschöne Schlucht und erreichen am Ende das Tal des Mekong Flusses, dem dritten großen Strom mit Quellgebiet in der Präfektur Yushu. Irgend wann muss diese Fahrt ein Ende haben und der Fahrer zeigt nach vorne und sagt Nangqian. Was er uns aber nicht sagt ist, dass wir zuerst den Mekong nach Norden zur einzigen Brücke in dieser Gegend fahren müssen und dann auf der anderen Seite die ganze Strecke und noch einige Kilometer mehr nach Süden. Wir glauben schon nie anzukommen, als wir endlich die ersten Häuser sehen und froh sind die Reise hinter uns zu haben. Es ist 21 Uhr. Nangqian ist im Grunde ein Straßendorf mit großteils Lehmhäusern und einzelnen massiven Regierungsgebäuden. Durch das Dorf am letzten Ende kommen wir zum MSF Haus. Das Grundstück ist mit einer Lehmziegelmauer eingesäumt wie es hier üblich ist. Drei Hunde springen uns entgegen und begrüßen uns. Das Haus ist hauptsächlich aus Lehmziegel gebaut, nur die vordere Wand ist aus gebrannten Ziegeln, hat eine Verranda im ersten Stock und alle Holzträger und Pfeiler sind in den buntesten Farben in tibetischem Stil bemalt. Ein sehr schönes Haus, unser Heim für die nächsten neun Monate. Der Ort liegt auf ca 3600 m am Talanfang eines Seitenflusses des Mekong, umringt von Hügeln und im Hintergrund ragen die Fünftausender empor. Die meisten Häuser sind mit Lehm gedeckt und nach einem nächtlichen Schneefall sieht man überall die Leute auf den Dächern den Schnee entfernen, damit das Wasser nicht durchkommt. Die nächsten Tage verbringen wir mit der Erkundung des Dorfes. Die Einwohner sind hauptsächlich Tibeter und fast immer ist viel los auf der Straße, dem Hauptplatz des Dorfes.

die tibetische Hochebene

 

ein neues Haus entsteht

Die verwendete Sprache ist großteils Kham-Tibetisch im Vergleich zu Amdo- und Lhasa-Tibetisch. Viele Nomaden aus der Umgebung in ihrer bunten Tracht stehen oder sitzen herum, dazwischen Mönche und Nonnen in ihren roten Kutten und ihre Pferde mit den hölzernen Sätteln und bunten Decken sind an Pflöcken festgebunden. Immer wenn wir "Großnasen", so nennen uns die Asiaten, auftauchen, zeigt sich die extreme Neugier der Bevölkerung. Wir sind ständig von Leuten umringt, die uns beobachten und uns überall hin folgen. Gehen wir in einen Laden, ist der innerhalb kürzester Zeit gerammelt voll. Sie wollen sehen, was wir uns ansehen, hören, was wir sagen, lachen meist darüber, da sie die Sprache nicht verstehen, berühren uns und öffnen einen schmalen Gang, wenn wir uns in eine Richtung drehen. Am meisten, glaube ich, haben sie Spaß an meiner Größe und der Größe meiner Schuhe (47). So etwas haben sie noch nie gesehen. Immer wieder stellt sich jemand neben oder hinter mich und ich spüre, wie er oder sie mit der Hand seine Größe an mir misst. Meist folgt dem großes Gelächter. Es ist fast so, als wären wir im Zoo, nur auf der anderen Seite der Gitter. Aber wir sind eben die einzigen Europäer in dieser Gegend und dementsprechend populär. Billard spielen ist ein nationaler Sport und überall gibt es Tische, die aber im Freien stehen und in der Nacht oder bei Schnee und Regen zugedeckt werden. An einem Samstag haben wir es auch einmal versucht und natürlich ganze Menschentrauben angezogen, die es ziemlich schwierig machten zu spielen, da sie direkt am Tisch rundherum standen.

An den Sonntagen machen wir verschiedene Ausflüge um die Umgebung zu erkunden. So mieten wir uns einmal Pferde und reiten einen halben Tag in die Hügel. Nach eineinhalb Stunden und einem stark schnaufenden und pfurzenden Pferd unter mir erreichen wir ein, in den Hang gebautes, sehr ärmliches Dorf. Die Bewohner begrüßen uns freundlich und da natürlich jeder von den Ausländern gehört hat und was sie hier tun, klagen sie uns ihr Leid mit der schlechten Wasserquelle für das Dorf. Sie zeigen sie uns und fragen, ob wir nicht etwas unternehmen könnten. Im ländlichen Tibet hat so gut wie kein Haus eine Wasserleitung, auch nicht in den Dörfern wie Nangqian. Die Frauen bringen das Wasser in Kübeln mit einer Holzstange über die Schultern aus dem Fluss oder eben von der Quelle, wie weit sie auch vom Dorf entfernt liegt. Tibeter waschen sich ziemlich selten. Man riecht das entsprechend oft. Ausnahmen sind bei der Geburt und vor der Hochzeit, man will ja einen guten Eindruck machen. Es erklärt sich vielleicht durch die herrschende Kälte und dass der Schmutz im Gesicht vor der Sonne schützt. Die älteren Tibeter haben eine Gesichtshaut wie Leder, in der man die harten Jahre ihres Leben sieht. Nasen putzen bei Kindern gibt es nicht und bald lernen sie diese wie die Erwachsenen einfach auszublasen. Es soll sogar unhöflich sein sich die Nase mit einem Taschentuch zu schneuzen.

Die Pferde sind übrigens relativ kleine Tiere, der Höhe angepasst und gehen meist im Schritt oder traben. Wir spüren unser Hinterteil auf jeden Fall noch ein paar Tage danach.

An einem anderen Sonntag möchten wir uns ein Waldgebiet in der "Nähe" ansehen. Daraus wird eine Reise an die Grenze zum autonomen Gebiet Tibet. Die "Straße"ist besonders schlecht und schmal und der einzige Verkehr sind zwei Mönche auf einem Motorrad, die uns auf halber Strecke auf der Höhe eines Passes begegnen. Nur vereinzelt sehen wir Häuser, kein Dorf aber fantastische Landschaft und am Ende das Kloster Zurmang Dutsitil in eine hohe Felswand gebaut. Durch das letzte Tal sehen wir hoch oben im Fels einen Teil des Klosters an den Fels geklebt und etwas später die ganze Anlage, die aus einem unteren, mittleren und oberen Teil besteht. Leider können wir nur den unteren und mittleren Teil des Klosters besuchen, da die Zeit sonst für die Rückreise nicht ausreicht. Die Mönche führen uns durch das Kloster und laden uns dann auf Yakbuttertee und getrocknetes Yakfleisch ein.

oft der einzige Weg

Eine unserer offiziellen Reisen führt uns nach Zhuoxiao ca 70 km und 3 Stunden Fahrt. Die Landschaft ist wie schon fast Gewohnheit einfach beeindruckend. Über einen 5000er Pass mit einer traumhaften Aussicht erreichen wir das Dorf auf 4400 m. Zhuoxia sieht aus wie ein Regierungsdorf und besteht aus 4 mit Mauern eingerahmten Gebäudekomplexen. Hier aber ist ein großes Einzugsgebiet von rundherum lebenden Nomaden in ihren schwarzen Zelten. Wir werden die Krankenstation rehabilitieren, ein Patientenzimmer einrichten und die Ärzte aus den Dörfern in Hygiene und Geburtenhilfe ausbilden. Bei der Geburt wird eine Mutter meist nur von einer Verwandten betreut und dementsprechend hoch ist auch die Sterblichkeitsrate. Nur ein Beispiel der extremen Umstände ist, dass oft die Nabelschnur mit den Haaren von Yaks abgebunden wird und dadurch Infektionen vorprogrammiert sind.

Als Willkommensgeschenk bekommen wir sehr oft weiße Schals, die uns, auf nach oben gerichteten Handflächen, dem Zeichen für Respekt, überreicht werden. Ein anderer wichtiger Brauch ist das Baijo Trinken als "tashidele" (Willkommen und viel Glück) Geste. Ein Gerstenschnaps, den es in den verschiedensten Qualitäten gibt. Typisch angeboten wird er in drei kleinen Stamperln auf einem Teller. Zuerst sollte man mit dem rechten Ringfinger in jeweils eines der Stamperl eintauchen und den Baijo über die Schulter den drei wichtigsten Göttern anbieten. Dann trinkt man alle drei Stamperl. Na ja, drei kleine Stamperl wären nicht so viel, wenn nicht jeder in der Runde einem "tashidele" anbieten würde. Bei der Sache kann man ganz schön ins Schwitzen kommen und selbstverständlich ziemlich betrunken werden. Bei Festen und Dinés wird dazu noch von jedem am Tisch erwartet, jedem einzelnen Baijo anzubieten und dazu ein Lied zu singen.

Fototermin

Wir als Europäer haben einen kleinen Vorteil. Den Asiaten fehlt ein Enzym in der Leber, das den Alkohol verarbeitet und daher werden sie ziemlich schnell betrunken. An Trinkspielen fehlt es hier sowieso nicht. Es wird "Stein-Papier-Schere" gespielt und ein Spiel, bei dem jeder der beiden Spieler einen Finger zeigt, der dickere Finger gewinnt, der andere trinkt. Oder man zeigt mit einer Hand eine Zahl zwischen 1 und 10 (die Chinesen haben ein System dies zu tun, das ist besonders nützlich, wenn man die Zahlen noch nicht kennt) und ruft dabei eine Zahl, die man für die Summe der beiden gezeigten hält. Der, der die Summe errät gewinnt, der andere trinkt schon wieder. Zum Schluss wird auch noch das Teller von dem verschütteten Baijo leergedrunken.

Da gibt es noch eine gute Geschichte von der Xianda Klinik die wir betreuen. Die Bevölkerung liebt es, bei der Behandlung mit westlicher Medizin Infusionen zu bekommen. Der Arzt nimmt eine leere Infusionsflasche, spühlt sie mit etwas Wasser aus, leert ein bisschen von dem und ein bisschen von dem hinein, steckt die Kapsel drauf und rein durch die Nadel. Corinne meinte, zwei Tropfen davon in unsere Venen und das wär’s. Im Infusionszimmer stecken jeden halben Meter in der Wand, auf halber Höhe, zwei lange Nägel, die perfekt als Halterung für die Flaschen dienen. Unser Fahrer hat sich, als er verkühlt war, ein paar Infusionsflaschen gekauft und diese als Behandlung getrunken.

Tibetische Mediziner verwenden zur Diagnose den Puls und Urin des Patienten. Manchmal auch die Zunge oder bei Kleinkindern die Venen der Ohren, da der Puls schwer zu fühlen ist. Der Arzt nimmt den Puls und rührt mit seinem Stäbchen im Urin, riecht daran, betrachtet ihn gegen das Licht und weiß, wenn er genug Erfahrung hat, wo es fehlt. Die Diagnose ergibt entweder eine Wind-, eine Gallen- oder eine Schleim-Krankheit. Diese drei müssen im Gleichgewicht sein. Gründe für eine Unausgeglichenheit sind zum Beispiel ein böser Geist, schlechte Ernährung oder klimatische Einflüsse wie kalter Wind. Durch die, von unserer Medizin so vollständig unterschiedliche Diagnose, ist es nahezu unmöglich zu eruieren, welche die hauptsächlichsten Krankheiten nach westlicher Sicht sind. Mit Sicherheit nehmen wir aber an, dass Infektionen der Atemwege, Durchfall, Brucellosis (durch das Trinken von ungekochter Milch, Essen von rohem Fleisch und durch Berühren von kranken Tieren) und auch TBC weit verbreitet sind. Rohes luftgetrocknetes Fleisch ist hier Brauch und wird Gästen sehr gerne angeboten. Diese Art Schaffleisch ist außerdem wirklich sehr gut.

Zum Glück hatte ich keine größeren Probleme mit der Höhe. Nur Atemschwierigkeiten, besonders wenn ich wieder einmal zu schnell spreche (was ich fast immer tue) und Schlafstörungen im ersten Monat. Alle 10 / 15 Minuten wacht man auf und muss einige Male tief durchatmen.

Kurz gesagt, einer der faszinierendsten Plätze, an denen ich je war.

Autor

Indi Niederndorfer

1998

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