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Mit dem Pferd durch Ost-Tibet !

Am späten Vormittag fahren wir ab Richtung Modrong. Das Wetter ist zum Glück ein Traum und außerdem ist es ziemlich warm. Daher können wir auf der „kurzen Strecke" nach Modrong fahren, dabei muss man statt vier - nur einen Pass überqueren, der aber hat's in sich. Die Abzweigung ist kurz, nachdem man durch die Schlucht kommt. Gleich am Anfang beschließen wir, zuerst einmal ein Picknick einzulegen, mit wunderschöner Aussicht auf die Berge und dann geht’s aufwärts. Eigentlich kann man das gar nicht beschreiben, ständig bitten wir den Fahrer anzuhalten, da die Aussicht immer fantastischer wird und das zu machende Foto immer besser als das vorhergehende zu werden verspricht. Dann geht's irgendwann auf der anderen Seite runter, ein grünes Tal entlang und nach vielleicht 4 Stunden erreichen wir Modrong.

Wir bleiben hier zwei Nächte. Die Nächte übrigens sind auch eine Wucht in Bezug auf den Sternenhimmel, den man zu sehen bekommt. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube das Kreuz des Südens gesehen zu haben. Am späten Nachmittag besichtigen wir das alte Kloster über dem Ort, wo wir wieder einmal von einem der Mönche durch die verschiedenen Räume geführt werden. Danach können wir die Arbeit am neuen Kloster, einem Betonblock im indischen Stil, bei dem jeder Quadratzentimeter der Innenräume mit religiösen Bildern bemalt wird, aus der Nähe begutachten. Am nächsten Tag wandern die Ärztin Karen und ich in die Hügel gegenüber dem Dorf. Wir machen Bekanntschaft mit einem aggressiven Hund und haben Gelegenheit, etwas Einblick in Einsiedlerklausen zu bekommen.

 

Eine der Stupas zum Schutz von Modrong

 

Am Tag darauf geht’s auf dem Pferd Richtung Niangla, einem Township, das nur mit dem Pferd erreichbar ist. Wir haben zusammen neun Pferde, für Karen, Corinne und mich, zwei Übersetzer, einen Führer und drei Packpferde. Eine richtige kleine Karawane.

Die Gegend zwischen Modrong und Niangla ist schön (wie meist hier) aber nicht außergewöhnlich. Das ist wahrscheinlich etwas unfair, aber man wird auch etwas verwöhnt mit der Zeit, wenn man dauernd tolle Landschaften um sich sieht. Zur späten Mittagszeit machen wir wieder einmal ein Picknick  (Restaurants sind in der einsamen Weite hier schwer zu finden) und da neben uns ein paar Murmeltiere spielen, versuche ich diese zu fotografieren. Leider sind sie ziemlich scheu. Bei einem sehr interessanten Dorf halten wir, um einen Dorfarzt zu besuchen, der bei Corinne im Training ist. Natürlich werden wir gleich zu Buttertee eingeladen und auch Yakkäse wird uns angeboten - etwas zu stark das Zeug für mich. Eigentlich ist es nur getrocknetes Yoghurt. Wir bekommen auch noch einen Sack davon und eine Kugel Butter zum Mitnehmen. Von diesem Dorf ist es noch eine Stunde nach Niangla und dann haben wir so um die acht Stunden Ritt hinter uns am Hintern.

Sie macht das beste Joghurt in der Gegend

 

Die Szenerie in Niangla ist wieder einmal beachtlich. Es erinnert mich sehr an Innsbruck in Tirol mit den hoch aufragenden Bergen. Davor ein breiter Fluss, wobei wir erst am Weg zurück nach Nangqian draufkamen dass es der Mekong ist. Der Township Leader ist stockbesoffen, was man oft in diesen abgelegenen Townships erlebt. Aber alle sind sehr gastfreundlich, wie immer in diesem wunderbaren Land. Den Trip unternehmen wir ja nicht zum Spaß, sondern versuchen, Infomationen über Kropfpatienten und eine eigenartige Krankheit, namens „pikenitchu", die Corinne und ich bei unserer Survey im Mai fanden, zu erhalten. Dabei bekommen die Patienten Halsschmerzen und können dann nicht mehr essen und sterben meist kurze Zeit darauf. Der Kropf ist vermutlich auf Jodmangel zurück zu führen. Am folgenden Morgen besuchen wir aus diesem Grund ein Dorf in der Nähe und sammeln durch Befragen der Bewohner Informationen.

Im Laufe des Vormittags kommen wir durch Gespräche mit den Einheimischen dann darauf, dass der Trip mit dem Pferd zurück nach Nangqian (eine Straße wird gerade erst gebaut) mehr als 12 Stunden dauert. Deshalb beschließen wir, noch am gleichen Tag aufzubrechen, da es für uns (und unsere doch ungeübten Hinterteile) nicht möglich ist, so lange im Sattel zu sitzen. Was soll ich sagen, die Gegend ist wieder einmal ein Traum. Wir überqueren den Mekong zwei Mal auf Hängebrücken und nach vier Stunden Ritt beschließen wir, das Nachtlager in einem Dorf am Fuß eines Passes aufzuschlagen. Von Niangla an haben wir ein zusätzliches Pferd mit uns dabei, das jemandem in einem Dorf auf unserem Weg gehört. Dieser Jemand sitzt auf dem Weg und scheint auf uns gewartet zu haben. Ich habe keine Ahnung, wie er wusste, dass wir kommen würden und wann. Auf jeden Fall lädt er uns in sein Haus ein, um dort die Nacht zu verbringen. Es wird bereits dunkel. Außerdem hören wir laufend das Donnern von Explosionen vom Straßenbau und das wollen wir uns in der Nacht nicht antun. Wer weiß, ob wir dort oben irgendwo so gute Aufnahme finden würden.

Wir sitzen im Hof und ich glaube, dass so ziemlich das ganze Dorf um uns steht oder sitzt und uns anstarrt. Wir fragen die Leute ein bisschen, was sie so von uns denken und da stellt sich heraus, dass wir für die meisten die ersten Weißen sind, die sie zu Gesicht bekommen. Unsere Pferde werden auf die Weide gebracht und wir in die Küche zum Abendessen. Wir bringen unser eigenes Essen mit: Trockene Nudeln, die mit heißem Wasser aufgegossen werden. Sehr praktisch zum Reisen, aber mit der Zeit ziemlich eintönig. Die Küche ist eine finstere, sehr verrauchte Höhle, die aber mit einer Solarlampe etwas erhellt ist. Natürlich folgt uns das ganze Dorf und lässt uns keinen Moment aus den Augen. Unsere Betten werden dann im Freien auf Heu gemacht, mit Blick auf die Sterne. Eine sehr angenehme und besondere Nacht. Die Solarlampe wird uns zur Beleuchtung angeboten, vielleicht auch deshalb, damit die Dörfler uns weiter vom Nachbardach aus beobachten können. Bevor wir noch am Morgen aus dem Heu sind, sind natürlich auch unsere Fans schon wieder um uns. Aber man gewöhnt sich ja an Vieles. Bis endlich die Pferde von der Weide geholt sind und alles wieder geladen ist, ist es 10.00 Uhr. Als Erstes geht's auf den Pass und dann entlang der Berge mit fantastischer Fernsicht. Von dort führen wir unsere Pferde in ein Hochtal und da entscheiden wir uns dann für den Weg, den unser Führer als leichter beschreibt. Außerdem könnten wir da mehr reiten und müssten weniger oft an steilen und schwierigen Stellen von den Pferden absteigen.

Also das Tal entlang bis zu einer Schlucht mit einem sehr steilen Weg. Ich steige vom Pferd ab, nehme es am Zügel, drehe mich um, rutsche aus und schon schreie ich. Ich hab’ den Schnalzer im Knie richtig gehört und das tut vielleicht weh. Karen glaubte schon, ich hätte mir den Fuß gebrochen. Ich sitze zuerst einmal ein paar Minuten nur am Boden und hoffe, der Schmerz würde vergehen. Dann werde ich mit vereinten Kräften ein Stück den steilen Weg nach unten zu einem flacheren Stück mit einem Fels gebracht und mit elastischen Binden verarztet. Ich habe mir eine Miniskussehne eingerissen. Karen und Corinne verbieten mir daraufhin, den Fuß zu belasten und vom Pferd zu steigen. Also führt einer unserer Begleiter (seit der letzten Nacht war ein Tibeter mit uns unterwegs, der kurz vor Nangqian wohnt) mein Pferd, mit mir oben auf, über den steilen Weg die Schlucht hinunter. Ich wäre liebend gerne abgestiegen und zu Fuß gegangen, wenn ich gekonnt hätte, denn auf dem Pferd ist dieser Abstieg noch gefährlicher. Wenn es mit mir ausrutscht, sind meine Chancen noch geringer heil heraus zu kommen. Wir erreichen aber ohne weiteren Zwischenfall den Boden der Schlucht und siehe da, der Mekong ist wieder vor uns.

Den Fluss entlang reiten wir dann für die nächsten Stunden. Da sehen wir auch, dass der Strom ziemlich rau sein kann und stellenweise gefährliche Stromschnellen hat. Bei jeder Biegung hoffen wir immer wieder die Gegend zu erkennen und damit bald ans Ziel zu kommen. Aber es dauert sehr lange und ich hänge weiter schief im Sattel um möglichst nur das rechte Bein zu belasten. Wir kommen am Dorf unseres zweiten Führers vorbei, wo er sich von uns verabschiedet. Der hat Glück, denn die letzten zwei Stunden müssen wir großteils auf der Straße reiten.

Die Pferde sind sowieso immer nervös, wenn sie Fahrzeuge passieren müssen, aber in der Nacht ist es noch schlimmer. Außerdem hat es noch zu regnen begonnen und somit entwickelt sich der letzte Teil des Trips zu einem Abenteuer besonderer Art. Durch die Regenwolken ist die Nacht besonders dunkel und das verursacht, dass der Führer den Rand der Straße übersieht und zusammen mit seinem Pferd einen kurzen Hang hinunter fällt. Kurz darauf fällt (eigentlich rutscht) Karen vom Pferd, da sich ihr Sattelgurt gelockert hat. Beiden geschieht zum Glück nichts. Ich halte von da an für eine Stunde oder so mein meg-light in die Höhe und leuchte der Gruppe heim. Wenn uns ein Auto begegnet, steigen die anderen immer ab und halten ihre Pferde. Ich kann alleine aber nicht vom Pferd und so, als von hinten zwei Lastwagen kommen und auch noch hupen, spielt mein Pferd verrückt. Ich versuche es unter Kontrolle zu bekommen, wir stoßen fast mit dem ersten Laster zusammen. Die anderen glauben schon, das Pferd sei angefahren worden, weil es so durchdreht und da kommt mir einer der Übersetzer zu Hilfe und hilft mir vom Pferd. Zusammen halten wir es dann, bis die Laster vorbei sind. Von da an geht's eigentlich ganz gut bis zum Haus. 

An diesem Tag haben wir ca 12 Stunden auf dem Pferd verbracht und sind alle ein bisschen Stolz darauf.

Autor

Indi Niederndorfer

1998

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